Im Stall werden die Begriffe „therapeutischer Beschlag“ und „orthopädische Hufarbeit“ oft durcheinandergeworfen. Gemeint sind aber zwei verschiedene Dinge. Das deutsche Hufbeschlaggesetz nennt dafür verschiedene Zwecke: Zum Hufbeschlag zählen alle Arbeiten am Huf „zum Zweck des Schutzes, der Gesunderhaltung, der Korrektur oder der Behandlung“[1]. Auf dieser Seite erklären wir, was hinter beiden Begriffen steckt, was die Forschung dazu sagt und wie wir in der Praxis vorgehen.
Woher kommen die Begriffe?
Therapie kommt vom griechischen therapeía und bedeutet Pflege oder Behandlung. Ein therapeutischer Beschlag ist also ein gezielt eingesetzter Beschlag, der bei einer Erkrankung, Verletzung oder Fehlstellung helfen soll. Er soll Schmerzen lindern, bestimmte Strukturen entlasten und die Heilung unterstützen.
Orthopädie setzt sich aus den griechischen Wörtern orthós („gerade, richtig“) und paideía („Erziehung“) zusammen, sinngemäß also „das Gerade-Richten“. Beim Huf heißt das aber nicht, dass wir ein Pferd „gerade hinstellen“. Im Gegenteil: Wir bearbeiten den Huf so, dass er zur jeweiligen Gliedmaße, zur Gelenkstellung und zum Körperbau des Pferdes passt. Das Ziel ist eine funktionelle Ausrichtung, nicht ein optisch symmetrischer Huf.
Orthopädische Hufarbeit: Teil jeder fachgerechten Bearbeitung
Orthopädische Hufarbeit ist für uns kein Spezialangebot, sondern fester Bestandteil jeder Bearbeitung und jedes Beschlags. Dazu gehören ein passender Hufwinkel, eine gerade Zehenachse (Huf und Fessel bilden eine Linie) und eine ausgewogene Belastung von innen und außen. Genau diese Grundprinzipien nennen auch international anerkannte Fachleute als Grundlage für gesunde Hufe. Sie betonen außerdem: Die meisten Pferde brauchen keine besonderen Bearbeitungs- oder Beschlagtechniken[2].
Dass das mehr als Optik ist, zeigt die Forschung:
- Die Hufform beeinflusst die Kräfte im Huf. In einer Studie mit 31 gesunden Pferden hing die Kraft, die auf das Strahlbein wirkt, deutlich mit dem Winkel des Hufbeins und dem Verhältnis von Trachten- zu Zehenhöhe zusammen. Je flacher der Winkel und je niedriger die Trachten im Verhältnis zur Zehe, desto höher war die Belastung[3].
- Es gibt kein Schema F. Eine britische Studie prüfte, ob nach der Bearbeitung die oft gelehrten „idealen“ Hufproportionen erreicht werden. Das war in der Regel nicht der Fall. Viele verbreitete Faustregeln für die „Hufbalance“ trafen bei den untersuchten Pferden kaum zu[4].
Deshalb schauen wir uns bei jedem Termin das ganze Pferd an: Gliedmaßenstellung, Gangbild, Hornqualität und Nutzung. Danach richten wir die Bearbeitung aus, und zwar unabhängig davon, ob das Pferd gesund ist, im Training steht oder sich gerade von einer Verletzung erholt.
Therapeutischer Beschlag: gezielt bei einem Befund
Ein therapeutischer Beschlag kommt nur dann zum Einsatz, wenn es einen konkreten Befund gibt. Das sind zum Beispiel Hufrehe, Erkrankungen im Bereich des Strahlbeins (Hufrollensyndrom), Sehnenprobleme, Hufbeinbrüche oder Fehlstellungen, die mit normaler Bearbeitung allein nicht ausreichend entlastet werden können. Typische Beispiele sind Beschläge mit Trachtenkeil, Eierschuhe (Egg-Bar), Herzschuhe (Heart-Bar) oder Beschläge mit erleichtertem Abrollen.
Was sagt die Forschung zur Wirkung?
- Strahlbein entlasten: In einer Studie mit 12 gesunden Pferden senkten Eisen mit Trachtenkeil die Kraft auf das Strahlbein um etwa ein Viertel. Ein Eierschuh hatte diesen Effekt in der Studie dagegen nicht[5]. Bei 12 Pferden mit Hufrollensyndrom belasteten die Tiere die Vorderbeine 14 Tage nach einem Beschlag mit erhöhten Trachten messbar besser als vorher[6].
- Hufrehe: Bei chronischer Hufrehe gilt der therapeutische Beschlag unter Fachleuten als wichtiger Baustein der Behandlung[7]. Allerdings fand eine kleine Studie mit 10 Pferden innerhalb der ersten sieben Tage bei keiner der vier getesteten Beschlagsarten (einem normalen flachen Eisen und drei Spezialbeschlägen) eine deutliche Besserung der Lahmheit[8]. Ein Beschlag ist also kein Schnellschuss, sondern Teil einer längeren Behandlung.
Ehrlich gesagt: Die Studien zu therapeutischen Beschlägen sind meist klein, oft mit nur 10 bis 30 Pferden, und viele wurden an gesunden Pferden durchgeführt. Vieles, was in der Praxis gut funktioniert, beruht auf der Erfahrung von Tierärzten und Hufschmieden, nicht auf großen Vergleichsstudien. Deshalb versprechen wir keine Heilung. Ein therapeutischer Beschlag kann entlasten und die Behandlung unterstützen, ersetzt sie aber nicht.
Zusammenarbeit mit dem Tierarzt
Die Diagnose stellt der Tierarzt, oft mit Röntgenbildern. Auf dieser Grundlage planen wir gemeinsam, welcher Beschlag sinnvoll ist, und passen ihn im Verlauf an. Fachleute betonen, dass ein guter therapeutischer Beschlag genau diese Zusammenarbeit zwischen Tierarzt und Hufschmied braucht. Fehlt sie, kann ein Beschlag im schlimmsten Fall sogar schaden[9]. Wir arbeiten deshalb gern direkt mit Ihrem Tierarzt zusammen.
Wichtig: Ein therapeutischer Beschlag ist kein Dauerzustand „auf Verdacht“. Bessert sich der Befund, kehren wir, wenn möglich, schrittweise zu einem normalen Beschlag oder zur Barhufbearbeitung zurück. Wie schnell das geht, entscheiden wir gemeinsam mit dem Tierarzt.
Kurz gesagt
- Orthopädisch heißt: anatomisch und funktionell angepasst, individuell ausgerichtet. Das gehört zu jeder fachgerechten Hufbearbeitung.
- Therapeutisch heißt: gezielte Unterstützung bei einem bestehenden Befund, idealerweise in Absprache mit dem Tierarzt.
- Den Begriff „orthopädischer Beschlag“ hören Sie oft, er taucht sogar in Studien auf[5]. Wir halten ihn für etwas unglücklich: Ausgerichtet wird bei jeder Bearbeitung. Ein Beschlag, der bei einem Befund gezielt entlasten soll, ist für uns ein therapeutischer Beschlag.
Beide Bereiche greifen ineinander, sind aber nicht dasselbe. Orthopädische Hufarbeit begleitet jedes Pferd, ein therapeutischer Beschlag kommt nur dann zum Einsatz, wenn er wirklich nötig ist.
Häufige Fragen
Braucht mein Pferd einen therapeutischen Beschlag, nur weil es „schiefe“ Hufe hat?
Nicht unbedingt. Viele Abweichungen gleichen wir mit einer angepassten Bearbeitung aus. Ein therapeutischer Beschlag ist erst dann sinnvoll, wenn ein Befund vorliegt, etwa eine Lahmheit oder eine tierärztliche Diagnose[2].
Wirkt ein therapeutischer Beschlag sofort?
Manchmal läuft ein Pferd direkt besser, oft dauert es aber Tage bis Wochen. Bei chronischer Hufrehe fand eine Studie in der ersten Woche keine deutliche Besserung[8]. Geben Sie dem Pferd Zeit und halten Sie die Kontrolltermine ein.
Muss ich zuerst zum Tierarzt?
Wenn Ihr Pferd lahmt oder Schmerzen zeigt: ja. Rufen Sie bei Lahmheit immer zuerst den Tierarzt. Den passenden Beschlag stimmen wir dann mit ihm ab[9].
Bei Fragen erreichen Sie uns telefonisch unter 0151 19659282 oder über unsere Kontaktseite.
Quellen
Uns ist wichtig, dass Sie nachvollziehen können, worauf diese Seite beruht. Zur Biomechanik des Hufes gibt es einige gute Messstudien. Zu einzelnen therapeutischen Beschlägen sind die Studien dagegen meist klein. Wo es keine Studien gibt, stützen wir uns auf den Konsens von Fachleuten und auf unsere Praxiserfahrung.
- Gesetz über den Beschlag von Hufen und Klauen (Hufbeschlaggesetz – HufBeschlG), § 2 Begriffsbestimmungen. gesetze-im-internet.de
Gesetzliche Definition des Hufbeschlags. - O’Grady SE, Poupard DA (2003): Proper physiologic horseshoeing. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice 19(2):333–351. doi:10.1016/S0749-0739(03)00020-8 · PubMed
Übersichtsarbeit zu den Grundprinzipien von Bearbeitung und Beschlag. - Eliashar E, McGuigan MP, Wilson AM (2004): Relationship of foot conformation and force applied to the navicular bone of sound horses at the trot. Equine Veterinary Journal 36(5):431–435. doi:10.2746/0425164044868378 · PubMed
Messstudie mit 31 gesunden Pferden. - Caldwell MN, Allan LA, Pinchbeck GL, Clegg PD, Kissick KE, Milner PI (2016): A test of the universal applicability of a commonly used principle of hoof balance. The Veterinary Journal 207:169–176. doi:10.1016/j.tvjl.2015.10.003 · PubMed
Studie an 49 Präparaten sowie 26 Pferden über drei Bearbeitungsintervalle. - Willemen MA, Savelberg HH, Barneveld A (1999): The effect of orthopaedic shoeing on the force exerted by the deep digital flexor tendon on the navicular bone in horses. Equine Veterinary Journal 31(1):25–30. doi:10.1111/j.2042-3306.1999.tb03787.x · PubMed
Messstudie mit 12 gesunden Warmblütern. - Schoonover MJ, Jann HW, Blaik MA (2005): Quantitative comparison of three commonly used treatments for navicular syndrome in horses. American Journal of Veterinary Research 66(7):1247–1251. doi:10.2460/ajvr.2005.66.1247 · PubMed
Kleine Studie mit 12 Pferden mit Hufrollensyndrom, ohne Kontrollgruppe. - O’Grady SE (2010): Farriery for chronic laminitis. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice 26(2):407–423. doi:10.1016/j.cveq.2010.04.008 · PubMed
Übersichtsarbeit eines Tierarztes und Hufschmieds. - Taylor D, Hood DM, Wagner IP (2002): Short-term effect of therapeutic shoeing on severity of lameness in horses with chronic laminitis. American Journal of Veterinary Research 63(12):1629–1633. doi:10.2460/ajvr.2002.63.1629 · PubMed
Kleine klinische Studie mit 10 Pferden über sieben Tage. - Werner HW (2012): The importance of therapeutic farriery in equine practice. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice 28(2):263–281. doi:10.1016/j.cveq.2012.05.005 · PubMed
Übersichtsarbeit zur Zusammenarbeit von Tierarzt und Hufschmied.
Diese Seite ersetzt keine tierärztliche Untersuchung.