Ein Riss in der Hufwand sieht oft dramatischer aus, als er ist. Viele Hornspalten sind oberflächlich und harmlos. Andere gehen durch die ganze Wand und können Lahmheit verursachen. In einer Zürcher Klinikstudie mit 54 Pferden, die wegen Lahmheit oder anderer Beschwerden in die Klinik kamen, reichte der Spalt bei etwa drei Vierteln bis auf die Lederhaut[1]. Auf dieser Seite erklären wir, welche Arten von Hornspalten es gibt, warum sie entstehen, wie wir vorgehen und was die Forschung dazu sagt. Am ausführlichsten geht es um den Zehenhornspalt.
Was ist ein Hornspalt?
Ein Hornspalt ist ein mehr oder weniger senkrechter Riss in der Hornwand des Hufes. Fachleute unterscheiden ihn nach drei Merkmalen[1][2]:
- Wo er liegt: an der Zehe (Zehenhornspalt), an der Seitenwand (Seitenhornspalt) oder an der Trachte (Trachtenhornspalt).
- Wo er beginnt: am Tragrand, also unten am Boden, am Kronrand oben oder durchgehend von oben bis unten.
- Wie tief er geht: Ein oberflächlicher Spalt betrifft nur die äußere Hornschicht. Ein durchgehender (perforierender) Spalt reicht bis auf die empfindliche Lederhaut.
Waagerechte Risse heißen Hornkluft. Sie sind deutlich seltener[1]. Oft entstehen sie, nachdem ein Hufgeschwür (Hufabszess) am Kronrand durchgebrochen ist[2].
Der Zehenhornspalt im Detail
Bei einem Zehenhornspalt sind zwei Formen zu unterscheiden:
- Vom Tragrand aufsteigend: Das ist der häufigste Fall. Solche Spalten sind meist oberflächlich und verursachen in der Regel keine Lahmheit[2].
- Vom Kronrand ausgehend und durchgehend: Dieser Spalt ist seltener, aber ernster. Typisch ist, dass er sich bewegt. Hebt das Pferd den Huf an, öffnet sich der Spalt am Kronrand, unter Belastung schließt er sich wieder[3][4]. Oft ist die Zehenwand von oben nach unten leicht nach innen gewölbt („hohl“)[3].
Darauf sollten Sie achten:
- ein Spalt, der am Kronrand beginnt oder sich nach oben verlängert,
- ein Spalt, der sich beim Aufheben des Hufes bewegt,
- Blut, Schmiere oder Geruch im Spalt,
- Lahmheit oder Schmerzen, wenn Sie auf den Kronrand oberhalb des Spalts drücken[2].
Lahm gehen Pferde meist nur dann, wenn ein durchgehender Spalt instabil oder infiziert ist[2].
Warum entstehen Hornspalten?
Ein Hornspalt ist fast immer die Folge einer Überlastung. Fachleute sind sich weitgehend einig, dass meist eine verformte Hufkapsel dahintersteckt[1][3].
- Zehenhornspalt: Er tritt vor allem bei einem steilen Huf oder Bockhuf auf, bei dem die Last direkt auf der Zehe liegt. Seltener steckt eine lange Zehe mit flachen Trachten dahinter, die wie ein Hebel auf die Zehenwand wirkt[3][4]. Solche Spalten können als kleiner Riss am Tragrand beginnen und sich, wenn niemand eingreift, bis zum Kronrand hocharbeiten[3].
- Seiten- und Trachtenhornspalt: Hier sind oft ungleich hohe Trachten und verschobene Ballen die Ursache[1][3].
- Weitere Faktoren: schlechte Hornqualität, zu lange Abstände zwischen den Bearbeitungen und eine unausgeglichene Hufbalance[1][2].
In der Zürcher Studie spielten Verletzungen am Kronrand, die oft für Hornspalten verantwortlich gemacht werden, nur bei 4 von 54 Pferden eine Rolle. Viel wichtiger waren Stellungs- und Formfehler des Hufes, zum Beispiel eine zu lange Zehe[1]. Trachtenhornspalten kamen dort deutlich häufiger vor als Zehenhornspalten, und betroffen waren meist die Vorderhufe[1].
So gehen wir vor
Zuerst die Ursache
Ein oberflächlicher Spalt ohne Lahmheit ist meist nur ein Schönheitsfehler[2]. Hier reicht in der Regel eine regelmäßige Bearbeitung, bei der wir den Tragrand im Bereich des Spalts entlasten.
Bei einem durchgehenden Spalt kümmern wir uns zuerst um die Hufform, denn darüber sind sich die Fachleute einig: Ohne diesen Schritt hilft auch die beste Reparatur nicht dauerhaft[3][5]. Beim Bockhuf verlagern wir die Last von der Zehe nach hinten und gleichen die Hohlzehe aus. Bei einer langen Zehe nehmen wir die Zehe zurück, erleichtern das Abrollen und schaffen hinten mehr Auflagefläche[3][4]. Oft bewegt sich der Spalt danach schon deutlich weniger[4].
Den Spalt stabilisieren
Bewegt sich ein durchgehender Spalt weiter, muss er stabilisiert werden, damit oben stabiles Horn nachwachsen kann[2][5]. Dafür gibt es verschiedene Methoden, zum Beispiel Kunsthorn mit Faserverstärkung, ein Metallband mit Schrauben oder einen Cast. Ein erfahrener Spezialist rät, die Fixierung am unbelasteten Huf anzubringen, also während der Huf aufgehoben ist[4]. Welche Methode passt, entscheiden wir im Einzelfall. Ist der Spalt infiziert oder lahmt Ihr Pferd, ziehen wir Ihren Tierarzt hinzu.
Ehrlich gesagt: Zur Behandlung des Zehenhornspalts gibt es keine kontrollierte klinische Studie. Schon 2003 bemängelte ein Fachartikel, dass es kaum Studien gibt, die verschiedene Behandlungen miteinander vergleichen[6]. Die beste klinische Datenquelle ist die Zürcher Fallserie, in der aber überwiegend Trachtenhornspalten behandelt wurden. Auch dort kam der Spalt bei etwa jedem fünften Pferd trotz sorgfältiger Behandlung wieder[1]. In einem Laborversuch hielten Kunsthorn, Schraubenplatte und ein eingelassener Metallriegel ähnlich gut. Ein Pflaster, das nur mit Sekundenkleber befestigt war, war deutlich schwächer[7]. Ob das im Stall einen Unterschied macht, hat niemand untersucht. Selbst Fachleute sind sich nicht einig: In Zürich wurde der Spalt meist ausgeschliffen[1], ein anderer Spezialist öffnet ihn nur bei einer Infektion[4]. Was wir Ihnen hier sagen, beruht deshalb vor allem auf dem Konsens von Fachleuten und auf Erfahrung aus der Praxis. Eine Heilung versprechen wir nicht.
Wichtig: Ein infizierter oder blutender Spalt darf nicht luftdicht abgedeckt werden, weil sich darunter ein Abszess bilden kann[2]. Kunsthorn kommt erst auf den Spalt, wenn er trocken und verhornt ist[1]. Bei Lahmheit oder Infektion gehört der Tierarzt dazu. Die Zusammenarbeit von Tierarzt, Hufschmied und Pferdebesitzer trägt entscheidend zum Behandlungserfolg bei[1].
Was Sie selbst tun können
- Bearbeitungstermine einhalten. Zu lange Abstände begünstigen Spalten[1][2]. Bei einem bestehenden Spalt kontrollieren wir in kürzeren Abständen.
- Regelmäßig hinschauen. Fotografieren Sie den Spalt von Zeit zu Zeit. So sehen Sie, ob er nach oben wandert oder herauswächst.
- Den Kronrand im Blick behalten. Wird er warm, druckempfindlich oder nässt er, melden Sie sich bitte.
- Keine Wundermittel erwarten. Für Hufsalben, Öle oder Zusatzfutter, die einen Spalt heilen sollen, kennen wir keine Belege. Ein Spalt wächst heraus, er heilt nicht zu[3].
Wann Sie den Tierarzt oder uns rufen sollten
Rufen Sie uns, wenn Sie einen Spalt entdecken, der am Kronrand beginnt, sich bewegt oder länger wird. Sie erreichen uns telefonisch unter 0151 19659282 oder über unsere Kontaktseite.
Rufen Sie den Tierarzt, wenn
- Ihr Pferd lahmt,
- der Spalt blutet, nässt oder riecht,
- der Kronrand oberhalb des Spalts auf Druck schmerzt[2].
Häufige Fragen
Muss jeder Hornspalt behandelt werden?
Nein. Oberflächliche Spalten ohne Lahmheit sind meist nur ein Schönheitsfehler[2]. Wichtig ist dann vor allem, die Ursache in der Bearbeitung abzustellen.
Wie lange dauert es, bis ein Zehenhornspalt weg ist?
Bis der Spalt vollständig herausgewachsen ist, vergehen an der Zehe etwa 9 bis 12 Monate[8]. Mit einer stabilen Fixierung kann das Pferd in dieser Zeit oft weiter arbeiten[2].
Kommt der Spalt wieder?
Das kann passieren. In der Zürcher Studie kam der Spalt bei etwa 20 % der Pferde zurück[1]. Die Aussichten sind gut, wenn sich die Ursache korrigieren lässt. Ist das nicht möglich, braucht das Pferd unter Umständen dauerhaft einen therapeutischen Beschlag[2].
Hilft es, das Pferd barhuf laufen zu lassen?
Das lässt sich pauschal nicht sagen. Bei Barhufpferden kommen durchgehende Spalten zwar seltener vor[3], aber Studien dazu, ob Barhuf einen bestehenden Spalt besser herauswachsen lässt, gibt es nicht. Wir entscheiden das je nach Pferd und Hufform.
Quellen
Uns ist wichtig, dass Sie nachvollziehen können, worauf diese Seite beruht. Zur Entstehung von Hornspalten gibt es eine gute Klinikstudie und mehrere Fachübersichten. Zur Behandlung gibt es dagegen keine Vergleichsstudien, nur eine Laborstudie. Wo es keine Studien gibt, stützen wir uns auf den Konsens von Fachleuten und auf unsere Praxiserfahrung und sagen das jeweils dazu.
- Fürst A, Kummer M, Lischer C, Bertolla R, Auer J, Geyer H (2006): Sind die Hornspalten ein oberflächliches Hufproblem? Schweizer Archiv für Tierheilkunde 148(2):55–63. doi:10.1024/0036-7281.148.2.55 · PubMed · Volltext
Rückblickende Klinikstudie mit 54 Pferden der Pferdeklinik Zürich, ohne Vergleichsgruppe. - Beasley B (2024): Hoof Cracks in Horses. Merck Veterinary Manual (Fachbegutachtung: A. Abuelo). merckvetmanual.com
Tiermedizinisches Nachschlagewerk. - O’Grady SE (2024): How to Manage Hoof Wall Defects. Proceedings of the AAEP Annual Convention 2024, Nachdruck auf equipodiatry.com
Fachbeitrag eines Tierarztes und Hufschmieds zu Ursachen und Hufbearbeitung. - O’Grady SE (o. J., laut Internet Archive spätestens seit April 2021 online): Toe Cracks Made Simple. equipodiatry.com, abgerufen am 17.10.2026
Praxisartikel desselben Autors zum Zehenhornspalt, beruht auf Erfahrung. - Pleasant RS, O’Grady SE, McKinlay I (2012): Farriery for hoof wall defects: quarter cracks and toe cracks. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice 28(2):393–406. doi:10.1016/j.cveq.2012.06.005 · PubMed
Übersichtsarbeit zu Seiten-, Trachten- und Zehenhornspalten. - Moyer W (2003): Hoof wall defects: chronic hoof wall separations and hoof wall cracks. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice 19(2):463–477. doi:10.1016/s0749-0739(03)00003-8 · PubMed
Übersichtsarbeit. Der Autor weist selbst darauf hin, dass sie auf Erfahrung beruht und es kaum Vergleichsstudien gibt. - Pardoe CH, Wilson AM (1999): In vitro mechanical properties of different equine hoof wall crack fixation techniques. Equine Veterinary Journal 31(6):506–509. doi:10.1111/j.2042-3306.1999.tb03859.x · PubMed
Laborstudie (in vitro), kein Versuch am lebenden Pferd. - Curtis S, Martin J, Hobbs S (2014): Hoof renewal time from birth of Thoroughbred foals. The Veterinary Journal 201(1):116–117. doi:10.1016/j.tvjl.2014.04.012 · Volltext
Studie an Fohlen. Für erwachsene Pferde nennen die Autoren 270 bis 365 Tage, bis das Horn an der Zehe herausgewachsen ist. Der Wert stammt aus einem Fachbuch (Kainer 1987), das die Autoren zitieren.
Diese Seite ersetzt keine tierärztliche Untersuchung.
